Individualisierte Unterstützung

 

"Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein. Manche Menschen sind blind oder taub, andere haben Lernschwierigkeiten, eine geistige oder körperliche Behinderung - aber es gibt auch Menschen ohne Humor, ewige Pessimisten. (…) Dass Behinderung nur als Verschiedenheit aufgefasst wird, das ist ein Ziel, um das es uns allen gehen muss." (Richard von Weizäcker im Jahr 1993)

 
Es ist uns im Umgang mit den Kindern wichtig zu thematisieren, welche Stärken und Ressourcen jeder von ihnen hat, und auch, worin sich Kinder gleichen, ähneln oder voneinander unterscheiden: Im Aussehen, in den Fähigkeiten, in den Vorlieben und vielem mehr. Dazu stellen wir kindgerechte Materialien (wie z.B. entsprechende Bilderbücher und Spiele) bereit.

Kinder bemerken schnell, wenn sich SpielkameradIinnen „anders“ verhalten, als sie es bislang erlebt haben. Damit aus dieser Wahrnehmung keine wertenden Kategorien werden, brauchen Kinder Erklärungen, WARUM z.B. ein Kind mit Trisomie 21 noch nicht so verständlich sprechen kann. Bei uns erfolgt dies in kindgerechten Worten, sobald Kinder sich eigeninitiativ zu solchen Beobachtungen äußern. Aufklärende Worte der Fachkräfte führen zu Wissen und damit zur Enttabuisierung von Andersartigkeit und Verschiedenheit. Dies soll die Ausgrenzung von anderen Menschen auf Grund eines wahrgenommenen „der verhält sich anders als ich und anders, als ich es bislang erlebt habe“ verhindern und eine generelle Offenheit allen Menschen gegenüber fördern. Kinder können so ohne Berührungsängste vor dem „Verschieden-Sein“ aufwachsen.

Obwohl in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention seit dem Jahr 2009 gilt und damit jeder Menschen (unabhängig davon, ob behindert oder nicht) ein Recht auf ein gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft hat, gilt es leider häufig noch einen Kampf um finanzielle Unterstützung auszufechten, gerade wenn ein Kind mit besonderem Förderbedarf in der Kita bestmöglich unterstützt werden soll. Denn hierfür bedarf es besonders motivierte Fachkräfte, die bereit sind, sich auf bisher unbekannte Fachgebiete (z.B. Gebärden-unterstützte Kommunikation, Besonderheiten im Rahmen einer Stoffwechselerkrankung etc.) einzulassen, sowie einer koordinierenden Fachkraft, die einen besonders geschulten Blick auf die kindliche Entwicklung hat und ihre KollegInnen in der täglichen Arbeit mit allen Kindern unterstützt.

In unserer Einrichtung gibt es dazu seit dem Jahr 2012 eine Inklusionsbeauftragte (Dipl.-Psych.), die sich gezielt um die Unterstützung von Kindern mit besonderem Förderbedarf kümmert. Dies ist – zumindest teilweise – finanzierbar durch einen Antrag auf Eingliederungshilfe https://www.heidelberg.de/hd/-/Verfahrensbeschreibung/eingliederungshilfe-fuer-menschen-mit-behinderungen-beantragen/vbid1179, den Eltern eines Kindes mit besonderem Förderbedarf bei der Stadt Heidelberg stellen können. In engem Austausch mit den Eltern, den Fachkräften und dem Leitungsteam entwickelt die Inklusionsbeauftragte individuelle Materialien und Strategien, um das Kind im Alltag zu fördern und seine Teilhabe am Gruppenalltag sicherzustllen.

Nachfolgend einige Beispiele für kreative, individuelle Lösungswege, die aus dieser Kooperation entstanden sind und die sich in den Jahren seit 2010 bewährt haben (Namen der Kinder geändert):



Noahmobil

Noah (Trisomie 21) konnte mit knapp 2 Jahren noch nicht laufen, wurde aber für die Fachkräfte langsam zu schwer, um auf dem Weg zum Wickeln ins Badezimmer oder zum Turnraum getragen zu werden. Daher wurde ein Bobbycar mit einer Schiebestange angeschafft, auf dem Noah innerhalb der Kita bei Transitionen geschoben werden konnte. Ein Foto von Noah kennzeichnete das Bobbycar für die anderen Kinder als sein persönliches „Noahmobil“. Für die Zeiten, in denen das Bobbycar nicht in Benutzung war, gab es mit Klebeband markierte Parkplätze auf dem Boden der Kita vor dem Turnraum, vor dem Gruppenraum und im Kinderbad.  Allen anderen 87 Kindern der Kita wurde in kindgerechten Worten erklärt, dass dieses Bobbycar nur für Noah da ist, der länger braucht um Laufen zu lernen und dass sie es nicht von den Parkplätzen entfernen dürfen. Nachdem Noah gelernt hatte, auf dem Noahmobil aufrecht zu sitzen, mit den Füßen Anschiebebewegungen zu machen und schließlich selbstständig zu laufen, wurde die Schiebestange abmontiert und das Noahmobil kam für alle Kinder zu den anderen Bobbycars in den Garten.
 
 



Lernen über Melodien

Die dreijährige Lisa (Trisomie 21) hatte große Schwierigkeiten neue Bewegungsabläufe zu erlernen, gleichzeitig aber eine Inselbegabung für Musik- sie kannte Hunderte Lieder auswendig. Deshalb dachte sich die Inklusionsbeauftragte für neu zu erlernende Kompetenzen zahlreiche kurze Melodien aus, die immer zu festen Handlungsabfolgen von Fachkräften und den Eltern gesungen wurden. Nach kurzer Zeit sang Lisa diese Melodien mit und lernte bald, sich selbst die Schuhe an- und auszuziehen, den Seifenspender zu betätigen, abzuwarten oder mit der Gabel zu essen.



Maxstraße

Max (3 Jahre alt) hatte auf Grund einer Cerebralparese beim Laufen Probleme sein Gleichgewicht zu halten, wenn er von anderen Kindern versehentlich angerempelt wurde. Er traute sich daher lange Zeit nicht, frei im Gruppenraum herumzulaufen und Spielbereiche zu wechseln aus Sorge vor Stürzen. Sein großes Interesse galt Autos und Verkehr. Mit permanentem Klebeband wurde daher im Gruppenraum eine "Maxstraße" auf den Boden abgeklebt, auf der alle Kinder laufen durften. Max jedoch hatte "Vorfahrt" vor anderen Kindern. Mit dieser „Verkehrsregel“ im Hinterkopf traute er sich rasch, auch ohne Fachkräfte an der Hand eigenständig die verschiedenen Spielecken im Gruppenraum aufzusuchen.
 




Händeparkplatz

Max (5 Jahre, Cerebralparese) tat sich schwer damit, beim Essen nur eine Hand zu verwenden und nicht beidhändig z.B. Jogurt zu essen. Da er ein großes Interesse für alles im Kontext Straßenverkehr hatte, bekam er einen „Händeparkplatz“: Auf einem Platzdeckchen wurden für die Hände links und rechts neben dem Teller mit „P“ Parkplätze markiert. Die jeweils nicht benutzte Hand legte er fortan immer auf ihren „Parkplatz“ und lernte so das einhändige Essen. Andere Kinder, denen es manchmal auch schwerfiel, nicht mit beiden Händen zu essen, übernahmen dieses Schema und legten ihre Hände - sogar zu Hause - auch auf imaginäre Parkplätze.
    


Wer isst was warum?

Jelena (3 Jahre) hatte eine angeborene Stoffwechselstörung und Entwicklungsverzögerung. Sie musste täglich berechnete Mengen von ausgewählten Nahrungsmitteln essen, damit ihr Körper nicht in einen toxischen Schock verfiel. Es war schwer für sie nachzuvollziehen, warum sie z.B. kein Ei oder Käse essen durfte, andere Kinder aber schon. Daher erstellte die Inklusionsbeauftragte für ihre Gruppe ein Bilderbuch: „Wer isst was warum?“. Darin wurde in einfachen, kindgerechten Worten erklärt, was verschiedene Tiere essen, was Menschen brauchen und wie Essen in Muskelkraft umgewandelt wird. Auch der fiktive Protagonist Anton in dem Fotobuch durfte nur eine definierte Menge bestimmter Nahrungsmittel zu sich nehmen und hatte - wie Jelena - eine PEG-Sonde durch die Bauchdecke. Dieses Buch schaffte Gesprächsanlässe zwischen den Kindern über die Rolle von Nahrungsmitteln und über Körperfunktionen.



Einrichtungsgegenstände

Liam (2 Jahre) war auf Grund seines Down-Syndroms muskelhypoton. Damit er besser auf einem Stuhl sitzen konnte, wurden seine handwerklich begabten Großeltern einbezogen: Sie bauten eine Fußstütze in einen unserer Kinderstühle ein, damit Liam beim Sitzen immer Bodenkontakt hatte, der ihm mehr Körperstabilität verlieh. Sobald Liam's Beine lang genug waren, dass die Füße auch auf den Boden reichen, wurde die Fußstütze wieder entfernt.

Bei der Erneuerung aller erhöhten Spielebenen in den Gruppenräumen der Kita wurde in den letzten Jahren darauf geachtet, dass sie auch gut für Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu erreichen und zu erklettern sind, besonders gut von außen bzw. unten eingesehen werden können und es auch für hypermobile (also z.B. auf Grund von Trisomie 21 extrem bewegliche) Kinder keinerlei Gefährdung durch Überklettern oder Einklemmen gibt.
 


Über die Einzelförderung hinaus berät die Inklusionsbeauftrage auch die Gruppen der Kita bei verschiedensten entwicklungspsychologischen Fragestellungen und koordiniert den Austausch mit Fachstellen wie z.B. Logopäden, Sozialpädiatrischen Zentren oder Beratungsstellen.

Unser multiprofessionelles interdisziplinäres Gesamt-Team zeichnet sich durch ein sehr hohes Engagement für jedes einzelne Kind aus. Wir haben den Anspruch an uns, Herausforderungen bestmöglichst zu bewältigen und immer individuelle Lösungswege zu finden.

Gelebte Diversität ist eine der Schlüsselerfahrungen, die für die Kinder von heute elementar für das Führen des Lebens in der globalisierten Welt von morgen ist.

Besteht für ein behindertes Kind über die allgemeine Förderung im Kindergarten hinaus ein individueller Förderbedarf, so können Eltern eines Kindes mit geistiger und körperlicher Behinderung einen Antrag auf Eingliederungshilfe beim zuständigen örtlichen Sozialamt stellen.  Eltern eines Kindes mit sogenannter "seelischer Behinderung" (hierzu zählt z.B. ADHS) stellen den Antrag auf Eingliederungshilfe beim zuständigen örtlichen Jugendamt. Das zuständige Sozial- bzw. Jugendamt stellt unter Beteiligung des Gesundheitsamtes, der Frühförderstelle sowie der Einschätzung der Kita einen Gesamtplan auf und bewilligt die Form der Eingliederungshilfe. In der Regel wird jedes Jahr neu überprüft, ob ein Kind noch Eingliederungshilfebedarf hat.



Diversität & Inklusion

Unser Leitbild

  • Wir sind kulturell vielfältig.
  • Wir sind inklusiv.
  • In unserer Kita sind alle Kinder willkommen.
  • Wir tragen jedes Kind mit seinen Möglichkeiten in der Gemeinschaft mit.
  • Niemand wird diskriminiert.