Nachdem in Deutschland im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft getreten ist, wonach die Teilhabe von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen ein Menschenrecht ist, nahm die Kita „Die Wichtel“ bereits kurz drauf ein erstes Baby mit Down-Syndrom in eine ihrer Regelkrippengruppen auf - als eine der ersten in Heidelberg.
Zur Förderung seiner Sprachentwicklung begannen sich die ErzieherInnen in das System "Gebärden-unterstützte Kommunikation" (GuK) nach Prof. Etta Wilken einzuarbeiten. Nach und nach wurde der Gebärdenwortschatz erweitert, so dass unsere mittlerweile mehreren Kinder mit Down-Syndrom schließlich auf zahlreiche Gebärden zurückgreifen konnten, um sich zu verständigen, solange dies aufgrund der verlangsamten Sprachentwicklung verbal noch nicht möglich war.
Da die Forschungslage einen deutlichen Benefit bezüglich der Anwendung von Gebärden für alle Kinder (mit und ohne Behinderung) im vorsprachlichen Alter zeigt, ist mittlerweile ein kleiner Grundstock an Gebärden fest in allen Krippengruppen etabliert.
In den Kindergartengruppen haben alle Kinder und ErzieherInnen eine Gebärde für den eigenen Namen. Eine Fotowand im Flur zeigt für alle gut sichtbar die Selbstverständlichkeit dieser Namensgebärden. Es gibt Fotobücher mit verschiedenen Gebärdenkarten, und beim Kita-übergreifenden gemeinsamen Sommerfest wird immer ein zum Jahresmotto passendes Lied mit Gebärdenbegleitung gesungen.
In den USA sind die sogenannten "Baby Signs" schon seit den 80er Jahren weit verbreitet; inzwischen ist dieser Trend auch in Deutschland angekommen. Es gibt zahlreiche Gebärden-Systeme, deren Gebärden sich ähneln, aber nicht alle 100% deckungsgleich sind. Wir arbeiten hauptsächlich mit den Gebärden nach dem System GuK von Prof. Etta Wilken sowie mit „Schau doch meine Hände an“ (Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe, www.beb-ev.de ) und Spreadthesign (https://www.spreadthesign.com/), das Zeichen aus verschiedenen Gebärdensprachen der ganzen Welt enthält. Bei Bedarf überlegen wir uns auch eigene Gebärden wie z.B. für die individuellen Namen der Kinder und ErzieherInnen. Eine Auswahl an Gebärden stellen wir den Eltern unserer Einrichtung zur Verfügung.
GuK ist die Abkürzung für Gebärden-unterstützte Kommunikation und wurde entwickelt von Prof. Etta Wilken für Kinder, die noch nicht sprechen können. Durch den begleitenden Einsatz von Gebärden wird ihre Verständigung erleichtert. Das Sprechen wird also nicht ersetzt (wie z.B. bei der Deutschen Gebärdensprache), sondern nur mit Gebärden unterstützt. Auch gebärdet man nicht alle Wörter sondern nur die bedeutungstragenden Elemente einer Aussage parallel zur Lautsprache (z.B. „Wir ziehen uns jetzt an und gehen in den Garten.“)
Da es leichter ist zu gebärden als zu sprechen (die Ausführung von Gebärden stellt motorisch geringere Anforderungen an ein Kind als die komplexen Artikulationsvorgänge der Lautsprache), erlangen die Kinder mit dem Erlernen von Gebärden die Fähigkeit, sich entsprechend ihrer schon weiter entwickelten kognitiven Fähigkeiten der Umwelt mitzuteilen. Unserer Erfahrung nach profitieren alle Kinder im Krippenalter von GuK, da sie Wünsche oder Beobachtungen mitteilen können. Dadurch sinkt die Frustration, von der Umwelt nicht verstanden zu werden. Gleichzeitig erleben die Kinder Freude an der Interaktion und Kommunikation mit anderen. Somit unterstützt GuK das Verstehen und Verständigen und fördert das Sprechenlernen und die kognitive Entwicklung, z.B. auch durch die Bereitstellung von klaren Kategorien:
Die Gebärde für „fertig“ wird verwendet für alle Arten von Handlungs-Enden, z.B. das Ende einer Mahlzeit („Bist Du fertig mit Essen?“), das Ende einer Bilderbuchbetrachtung („Jetzt ist das Buch zu Ende und wir gehen ins Bett“) oder die Aufforderung, mit Quengeln aufzuhören („Ich möchte, dass Du jetzt aufhörst.“).
Die Gebärde für "mehr" wird für die Bezeichnung von Mengen und auch für gewünschte Wiederholungen von Handlungen eingesetzt (z.B. "Möchtest Du mehr Nudeln essen?", "Möchtest Du noch einmal rutschen?").
Daneben sind phonetisch ähnliche Wörter (z.B. zu Hause - in der Pause, Tisch - Fisch) durch Gebärden für Kinder leichter visuell unterscheidbar zu machen, wodurch ihre auditive Diskriminationsfähigkeit geschult werden kann.
Bei der von uns in der Kita verwendeten Gebärdenunterstützten Kommunikation handelt es sich also NICHT um eine eigenständige Sprache wie z.B. die Deutschen Gebärdensprache. GuK fungiert vielmehr als Überbrückung für die Zeit, in der Kinder noch nicht verbal sprechen können, aber schon sehr vieles ihrer Umwelt kognitiv erfassen und auch kommentieren könnten. Die Erfahrung zeigt, dass die Kinder die Gebärden in der Regel solange einsetzen, bis sie sich durch Worte hinreichend gut verständigen können.
Bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern stellen Gebärden eine Brücke zwischen den verschiedenen Sprachen dar – die Gebärde z.B. für das deutsche „Gelb“ gilt auch für das englische “yellow“, d.h. die Gebärde erleichtert das Verstehen der hinter einem Wort liegenden Bedeutung und somit den Erwerb der Mehrsprachigkeit.
Wir haben in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass sich alle Kinder sehr für die Gebärden interessieren und von sich aus verschiedene Gebärden für neue Worte erfragen oder sogar eigene Ideen entwickeln für Wörter, für die es bislang noch keine festgelegten Gebärden bei uns gibt (z.B. für die Knödel, die wir manchmal zum Mittagessen essen). Außerdem stellen Gebärden eine praktische "Geheimsprache" dar, mit der man sich z.B. auch verständigen kann, wenn man im Garten weit voneinander entfernt steht oder sich über ein Fenster zwischen zwei Räumen unterhalten möchte. Wir begleiten auch ausgewählte Lieder oder Reime mit Gebärden und haben alle in den Kitaräumlichkeiten ausgehängten Wochenpläne mit den Gebärden für die Wochentage versehen. Für alle Kinder haben die Gebärden den Charakter von „Fingerspielen“, die in dieser Altersstufe generell sehr gerne gemocht werden.
Der Spracherwerb wird durch die Verwendung von Gebärden-unterstützter Kommunikation NICHT verzögert sondern vielmehr erleichtert, weil 1. die Gebärden meist sehr ähnlich aussehen wie das, wofür sie stehen, und so für das Kind leichter zu merken sind als (unsichtbare) Wörter, 2. die Ausführung von Gebärden motorisch geringere Anforderungen als die komplexen Artikulationsvorgänge der Lautsprache an das Kind stellt und 3. der Erwachsene dem Kind die Gebärden nicht nur vormachen, sondern dabei- bei Bedarf- auch die Kinderhände führen kann. Die Verwendung von Gebärden kann deshalb als eine Vorstufe des Sprechens betrachtet werden, so wie das Krabbeln eine Vorstufe des Laufens ist.